Mittwoch, 5. August 2015

Hundert Tage µFT mit der Olympus OM-D E-M10 (Praxistest)

Wer in letzter Zeit mitgelesen hat, weiß Bescheid: ich fahre derzeit zweigleisig. Gut, mit dem Pentax K und Q Systemen bin ich das auch früher, aber seit April habe ich meine komplette Q Ausstattung verabschiedet und bin im Micro-Four-Thirds System (auch Micro 4/3 oder einfach nur MFT bzw. µFT) fotografisch unterwegs. Im Grunde konnte es nur dieses System werden, da in meinem persönlichen Pflichtenheft für ein Zweitsystem immer Kompaktheit und Portabilität an oberster Position steht. Bedient wird dieser Standard für Kameras mit Wechsel-Objektiven im Wesentlichen von Olympus und Panasonic (Lumix).

Eine handvoll Kamera: OM-D E-M10 mit Lumix G 14mm

Mein bisheriges PENTAX Q System hatte die Vorgabe nach Kompaktheit vortrefflich erfüllt. Auch die Bedienung war erste Sahne, aber die fotografischen Möglichkeiten zum Spiel mit Schärfe und Unschärfe waren aufgrund des sehr kleinen Sensors doch sehr eingeschränkt.

Hier verspricht das MFT System mit dem Formatfaktor 2,0 viel mehr Möglichkeiten. Dieser Faktor bedeutet bei vergleichbarer Brennweite, Blende und Abstand zum Motiv einen doppelt so hohe Schärfentiefe im Vergleich zum Kleinbild-Format, oder eben "nur" 1,5 fach im Vergleich zum APS-C Sensor meiner PENTAX Kameras.

Schnappschuss-tauglich.: der schnelle Autofokus der E-M10 macht's möglich (14mm @ f/2.5)
Freistellung durch gezielte Fokussierung bei Offenblende (45mm @ f/1.8)

Bisher hatte ich gegenüber MFT immer Vorbehalte, vielleicht weil ich es immer in Konkurrenz zu meinem Pentax K System sah. Auch mag ich das native 4:3 Seitenverhältnis nicht besonders gerne. Nachdem ich mir aber bewusst gemacht hatte, dass es mich auch bei der Q nie gestört hatte, auf ein paar Megaxpixel aufgrund der Umstellung auf das klassische 3:2 Format zu verzichten, war der Weg ins MFT Lager mental geebnet.

Aber welche Kamera sollte es nun werden? Geschielt hatte ich immer auf die Lumix GX7 von Panasonic. Die Olympus Modelle haben mich optisch nicht angesprochen, sie waren mir zu sehr Retro. Dennoch bescherte mir dann Gevatter Zufall eine OM-D E-M10, die ich zusammen im Paket mit zwei kleinen, schnucklige Festbrennweiten in der Bucht günstig ersteigern konnte. Ich vermute mal, dass diese Kombination nicht so richtig in das Beuteschema der meisten potentiellen Käufer gepasst hat. Der Plan: zunächst die Primes sichern, mit der Kamera erste Erfahrungen im MFT System sammeln und dann bei Gefallen die GX7 gegen die Olympus eintauschen.

Von Tag eins an habe ich Gefallen am MFT System gefunden, es hat genau meine Erwartungen an Kompaktheit und Bildqualität erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen. Und so kam es, dass ich mir in den letzten drei Monaten noch manch anderes Objektiv angeschaut habe, auch ein paar günstige Zooms. Als kleines Besteck geblieben sind nun das Olympus M.Zuiko 45mm sowie die zwei Panasonic Lumix G Modelle 14mm und 20mm. Die Objektive sind wirklich schön kompakt, nochmal kleiner als vergleichbare DA Pentax Linsen, die für den APS-C Sensor gerechnet sind, inklusive der begehrenswerten DA Limited Zwerge.


Schön (und) kompakt, mein aktuelles MFT System: Olympus OM-D E-M10 mit drei Primes (14mm, 20mm, 45mm) 
MFT Linsen sind nochmals kleiner als vergleichbare Pentax Limiteds - aber nicht ganz so begehrenswert
(von links: Pentax DA 21mm Limited, Lumix G 14mm, Pentax FA 77mm Limited, Olympus 45mm)

Inzwischen konnte ich auch die Lumix GX7 einige Tage ausprobieren. Hier zeigte sich wieder, dass ich noch so viele Testberichte im Netz lesen und Videos anschauen kann, aber es geht doch nichts über den Selbstversuch. Die GX7 ist sicher eine potente, leistungsfähige Kamera, aber es sind dann eben die kleinen Dinge, die mich störten (Tunnelblick beim Sucher, weniger kompakt und griffig als erhofft). Und so hat sich die kleine OM-D dann doch durchsetzen können.
Sicher nicht für jeden nachvollziehbar, aber letztendlich für mich dann ein entscheidendes Detail pro Olympus: das satte und zugleich gedämpfte Geräusch beim Auslösen. Im Vergleich dazu fand ich die Beschallung durch den mechanischen Panasonic Verschluss unangenehm, sogar irgendwie quietschend wie früher zu Analog-Zeiten bei Verwendung eines Winder. Dafür fehlt der Olympus leider ein elektronischer Verschluss, der der GX7 bei Verwendung zu einem fast lautlosen Fotografieren verhilft.

Passt sogar in eine Cargo: E-M10 mit Lumix 14mm
Die E-M10 begleitet mich nun immer dann, wenn ich auf "ernsthaftere" Fotografie mit meiner K-5 II in der Fototasche weniger Lust habe und es auf relativ kompakte Ausrüstung ankommt. Der große Vorteil der kleinen Olympus ist, dass sie in eine Jacken-, Fahrrad- oder sogar Seitentasche einer Cargohose hineinpasst (obwohl es bei Letzterer schon eng wird). Im Gegensatz zu vielen anderen spiegellosen Systemen sind im MFT System auch die Objektive klein gehalten, so dass wirklich die gesamte Ausrüstung schön kompakt bleibt. Was nützt denn ein noch so geschrumpfter Body, wenn die Objektive da nicht mithalten? Mit der OM-D habe ich nun eine wirklich kleine, vollwertige Kamera mit sehr guter Bildqualität und - im Gegensatz zu PENTAX Q - der Möglichkeit, Motive mit kleiner Blendenzahl für geringere Schärfentiefe freizustellen.

Die Kamera funktioniert so gut, dass ich mich schon dabei ertappe zu hinterfragen, ob das im Vergleich zum APS-C Sensor meiner Pentax-Modelle kleine Mehr an Kontrastumfang, High-ISO-Verhalten, Auflösung und geringerer Schärfentiefe bei gleicher Blende und Brenweite wirklich so bedeutend ist. Zumal ich kein spezielles fotografisches Sujet mit besonderen Anforderungen bedienen muss und sich herausstellt, dass mir die Eigenschaften von Micro-Four-Thirds für meine Art zu Fotografieren zu genügen scheinen. Bevor jetzt aber falsche Schlüsse gezogen werden (besonders von mir): dem PENTAX System bin ich emotional verbunden, das werde ich niemals aufgeben wollen.
Kompakte Micro 4/3 und kompakte APS-C
Von schräg oben ist der Größenunterschied deutlicher zu erkennen
Überraschend: das OM-D E-M10 Gehäuse ist nicht viel kleiner als die K-01 (der aber Sucher und Klappdisplay fehlen)

Gerade in dieser ersten Zeit habe ich oft die OM-D und meine PENTAX K-5 IIs parallel genutzt, um Handling und Bildergebnisse zu vergleichen. Während ich die DSLR zumeist klassisch mit dem Auge am Sucher bediene, nutze ich an der Olympus viel häufiger das Klappdisplay, um höhere oder tiefere Kamera-Standpunkte einzunehmen. Zudem finde ich die Möglichkeit, den AF-Punkt über die Touch-Bedienung unmittelbar zu wählen und für Schnappschüsse auch direkt auszulösen praktisch. Ob mir jetzt dadurch Fotos gelingen, die ich mit der PENTAX nicht hin bekomme, vermag ich heute noch nicht zu bewerten, aber Spaß machen tut es definitiv.

Dank beweglichen Display kein Problem: ein unerwarteter Fund im Wald aus der Bodenperspektive

Richtig zu schätzen gelernt habe ich den elektronischen Sucher. Seine Vorteile zur unmittelbaren Bildkontrolle sowohl vor als auch nach der Aufnahme liegen auf der Hand. Mit der DSLR ist es in machen Situationen mit kontrastreicher, ungleichmäßiger Verteilung von Licht und Schatten oft gar nicht einfach, auf Anhieb die passende Belichtung zu wählen. Nach Kontrolle der Aufnahme am Display muss dann eventuell das Foto mit korrigierten Einstellungen wiederholt werden - wenn es sich dann so wiederholen läßt. Bei der OM-D dagegen kann ich vorab an den Reglern für die Belichtung drehen und sehe sofort die Auswirkungen im Sucher-Monitorbild. Dazu muss gesagt sein, dass der Sucher der E-M10 sogar nur einen durchschnittlich guten Ruf genießt, der mir aber bereits völlig ausreicht, um das Foto vernünftig zu komponieren.

Der Sucher ist für mich einer der entscheidenden System-Unterschied zwischen Kameras mit und ohne Spiegel. Der optische Sucher ist an Klarheit und Ehrlichkeit nicht zu übertreffen. Aber die funktionalen Vorteile der elektronischen Variante sind schon enorm. Und die E-Sucher werden immer feiner und schneller. Wenn ich da noch im Vergleich an den alten Sucher meiner Minolta Dimage A1 denke ... und den fand ich damals auch nicht schlecht. Dazu verhilft der Verzicht des optischen Suchers und dafür notwendigen Spiegelkastens zu einem noch kompakteren Gehäuse (wobei natürlich noch andere Stellschrauben wie Größe des Bildsensors und Auflagemaß dafür verantwortlich sind).

Herausfordernde Lichtsituation in Brügge am Morgen (OM-D E-M10, Lumix 14mm)
Mit der DSLR ist die Belichtungskorrektur vorab abzuschätzen (K-5 IIs, DA 21mm)
Weitere Pluspunkte des Monitor-Suchers sind Fokus-Lupe und Fokus-Peaking zur Unterstützung des manuellen Scharfstellens. Natürlich klappt das händische Fokussieren auch mit der klassischen DSLR, denn eigentlich genügt zumeist das Aufleuchten des Schärfeinidikators im optischen Sucher, um den Fokus korrekt zu setzen. Aber in der Olympus ist das schon cooler gelöst und bedient das Spielkind in mir.

Während mir die alltägliche Bedienung der OM-D leicht fällt, erinnere ich mich noch mit Grausen an die ersten Tage, in denen ich die Kamera noch nicht für meine Bedürfnisse konfiguriert hatte und in das Menü-System eintauchen musste. Ich hatte bereits im Vorfeld gelesen, wie ungewöhnlich das Menü aufgebaut ist, um es einmal vorsichtig zu forumulieren. Klar, ich habe die Pentax-Brille auf, aber ich sage es mal so: mit Kameramodellen von Sony und Panasonic hatte ich da nicht solche Orientierungsprobleme.

Die erste Maßnahme nach Inbetriebnahme sollte auf jeden Fall die Aktivierung des sogenannten Super Control Panel (Live SCP) sein, um über die OK-Taste jederzeit die wichtigsten Einstellungen schnell erreichen zu können - ähnlich wie das INFO Menu bei Pentax. Warum Olympus dies nicht bereits bei Auslieferung aktiviert, ist mir ein Rätsel.

Nur noch ein Klick entfernt: Die Live SCP Aktivierung verbirgt sich im Custom Menu unter Disp/Sound/PC,
dann Control Settings, dann das gewünschten Belichtungsprogramm. Alles klar?
Wie oben bereits erwähnt bin ich mit der Bildqualität sehr zufrieden, insbesondere bei Verwendung der Objektive mit fester Brennweite. Das Schöne beim Micro 4/3 System ist, dass die Objektive bereits bei Offenblende sehr gute Abbildungsleistung abrufen können und nicht erst ein bis zwei Stufen abgeblendet werden müssen. Somit wird das im Vergleich zu größeren Sensoren etwas schlechtere High-ISO-Verhalten und die Möglichkeiten zur Freistellung durch geringe Schärfentiefe teilweise aufgehoben.

Die Kehrseite der Nutzung der Offenblende ist leider, dass man bei der E-M10 schnell an die Grenze der kürzesten Belichtungszeit kommt. Diese beträgt nur 1/4000 Sekunde, welche schnell bei hellem Sonnenlicht erreicht werden. OK, das ließe sich durch einen Graufilter lösen - wenn man denn einen zur Hand hat.

Die kürzeste Belichtungszeit 1/4000s ist bei beim lichtstarken M. Zuiko 45mm f /1.8 schnell erreicht

Und wo ich gerade über Offenblende schreibe: auch im MFT System gibt es an Kontrastkanten bunte Farbsäume durch chromatische Aberration zu entdecken. Es freut mich ehrlich, dass diese Art Objektivfehler also nicht allein Pentax Optiken vorbehalten ist. Mich persönlich stört dies nicht so sehr, zumal die Farbsäume sich recht leicht in der Nachbearbeitung am PC mit Werkzeugen wie Lightroom entfernen lassen.

Heftige lila Farbsäume im Geäst
Inwiefern die bunten CAs bereits von der JPEG Engine in der Kamera herausgerechnet werden, habe ich mir nicht genauer angeschaut. Das liegt unter anderem daran, dass ich kaum im JPEG Format mit der OM-D fotografiert habe, weil nach meinem Empfinden Olympus im Default die Fotos viel zu aggressiv aufbereitet, besonders bei höheren ISO Werten. Das kann man sicher (so wie fast alles) in der Kamera umkonfigurieren, aber dazu müsste dann erst einmal das passende Sub-Sub-Sub-Menu gefunden werden (siehe oben). Da fotografiere ich doch lieber weiter nur im Rohdaten-ORF-Format ...

Was noch positiv auffällt: wer mit PENTAX fotografiert, legt in der Regel seinen Schwerpunkt nicht auf den schnellsten Autofokus. Da finde ich selbst den AF des Panasonic Lumix G 20mm f/1.7 Objektivs ansprechend flott, auch wenn dieser in der Micro-Four-Thirds Gemeinde eher als schnarch-langsam bezeichntet wird. Alles ist eben relativ. Ich merke aber auch, wie pfeilschnell beispielsweise die Scharfstellung beim Olympus 45mm oder meiner zweiten Panasonic Linse 14mm geht. Dazu kommt noch die hohe Präzision, in der der Kontrast-Autofokus sein Ziel trifft. Und wenn er mal nicht trifft, ist er auch richtig daneben, weil im AF-Feld nicht das anvisierte Motiv, sondern etwas anderes im Vorder- oder Hintergrund (dann korrekt) fokussiert wurde. Dies ist dann aber einfacher im Sucher zu erkennen, als wenn der Phasen-Autofokus einer DSLR einen geringen  Fehlfokus aufweist, weil Kamera und Objektiv nicht optimal justiert sind.

Ich muss mal zum Schluss kommen und möchte nochmal einen für mich gefährlichen Gedankengang formulieren. Kann Micro 4/3 für mein Pentax System gefährlich werden? Schaue ich mich im Objektivangebot insbesondere von Olympus um, so gibt es da so einige Objektive, die mich richtig reizen würden. So scheint das M.Zuiko 12-40mm f/2.8 Pro Zoom eine wetterfestes High-End-Standard-Zoom ohne Fehl und Tadel zu sein. So etwas vermisse ich im Pentax-Lager (das DA* 16-50 erscheint mir immer als Kompromiss). Und ich ertappe mich dabei, Testberichte zu wetterfesten OM-D Gehäusen zu lesen ... davor steht aber meine große, emotionale Verbundenheit mit PENTAX, meiner fotografischen Jugendliebe.

Ich möchte nicht ausschließen, in Zukunft ein wenig "umzuschichten" und noch mehr in MFT zu investieren. Es scheint aktuell zu meiner Art des Fotografierens gut zu passen, reizt mich mehr als die Ankündigung von Pentax, ins digitale Kleinbild zum Jahresende einsteigen zu wollen (wohl immer noch mit Spiegel-Reflex-Technik). Aber mein PENTAX System aufgeben? Nein. Was sollte denn dann auch aus meinem Blog geschehen? Am Ende müsste ich mir noch einen neuen Namen suchen. Jetzt heißt es erstmal Ruhe bewahren und einfach weiter fotografieren. Dann aber eben je nach Lust und Laune im PEF oder ORF Format.

Kommentare:

  1. Hi Dirk!
    Schöner Artikel und gut die wesentlichen Punkte zusammengefasst!
    Inhaltlich kann ich alles nachvollziehen, was du schreibst, und ...........ich hatte doch gewarnt! ;-)

    LG
    Hannes

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  2. Ja, Deine Warnungen hab ich noch gut in Erinnerung. Mal schauen, wie es weitergeht. Wenn ich mir aber vom letzten Sommerurlaub die Fotos mit dem 77er und 43er Limiteds anschaue, dann weiß ich wieder ganz genau, wo meine fotografische Heimat ist.

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  3. Aber wenn Du dann ein T-Shirt mit der Aufschrift "I shoot ORF" trägst, würde ich Dir keinen urlaub in Österreich empfehlen :-)

    Ich denke auch, mehr als MFT "braucht" man nicht wirklich. Aber was heisst schon brauchen...

    MfG,
    gerd.

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    1. Ne, ne. Dazu wird es nicht kommen. Das ist keine Durchhalteparole, sondern ernst gemeint. Ich bleibe Pentax treu, wahrscheinlich länger, als Pentax/Ricoh dem PEF Format treu bleiben wird...

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