Montag, 1. Februar 2016

[Objektiv gesehen] Sigma 30mm F1,4 DC HSM Art im Praxistest

Dominanter Auftritt: Sigma 30mm 1,4 Art an der K-5IIs
Ganze drei Tage hat es im neuen Jahr gedauert, dann war es um mich geschehen und ein neues Objektiv für die Pentax Ausrüstung angeschafft. Im Jahresrückblick ein paar Tage zuvor hatte ich noch  sinniert, ob ich ein Sigma 30mm F1,4 DC HSM Art ausprobieren sollte, um dann im Pentaxians Forum eine Suchanzeige zu starten. Allerdings ohne viel Hoffnung auf Erfolg, denn das Sigma Glas wird wenig gehandelt und scheint überhaupt selten für den PENTAX Anschluss verbreitet. Aber unverhofft kommt oft. Kaum dass die Anzeige veröffentlicht war, bekam ich schon ein neuwertiges Exemplar von einem netten Forenkollegen angeboten, über den ich bereits im Vorvorjahr mein 43er Limited bezogen hatte.

Mein Interesse für das Sigma ist einfach erklärt. Bisher nutze ich als Festbrennweite-für-jede-Gelegenheit immer das PENTAX FA 43mm Limited, welches mit Offenblende 1,9 schon recht lichtstark ist und mit dessen Abbildungsleistung ich wirklich sehr, sehr, sehr zufrieden bin. Nicht umsonst wird dem 43er der sagenumwobene Feenstaub nachgesagt, und ich habe sogar eines der frühen Exemplare mit (Achtung, jetzt wird es leicht mystisch) bläulich schimmernden Vergütung der ersten Stunde. In besinnlicher Runde, so auch zuletzt an Weihnachten, kann aber die Lautstärke des Autofokus schon nerven, insbesondere bei der Verwendung des langsamen Kontrast AF. Wenn die Kinder gebannt der Weihnachtsgeschichte bei Kerzenlicht lauschen, dann trägt der Akku-Schrauber-Sound nicht gerade zur andächtigen Stimmung bei.

Für solche "stimmungsvollen" Schnappschüsse mit (Un-)Schärfeeffekt wollte ich das lichtstarke Sigma
"Noch ein Foto, und es gibt eins mit dem Lichtschwert auf die Nuss"

Der Erstkontakt ist beeindruckend. Größe und Gewicht habe ich so nicht von einem für die Ausleuchtung eines APS-C großen Bildsensors gerechnetem Objektiv mit gemäßigter Brennweite erwartet, was aber der hohen Lichtstärke geschuldet sein dürfte. Wenn man allerdings die kompakten Limited Objektive gewohnt ist, dann ist das schon ein kleiner Schock. Die Verarbeitung ist tadellos, das massive Gehäuse erscheint in großen Teilen aus Metall zusammen mit hochwertigem Kunststoff gefertigt. Die manuelle Scharfstellung läuft leider nicht ganz so butterweich, wie ich es von den Limited oder alten manuellen Objektiven kenne. Schade, zumal Sigma jederzeit den manuellen Eingriff in die Entfernungseinstellung erlaubt, ohne den Fokus Modus wechseln zu müssen. Aber keine Frage, das Sigma vermittelt den Eindruck höchster Qualität, ein Objektiv, mit dem man zur Not auch einen Nagel in die Wand schlagen könnte. Zum dominanten Auftritt der Sigma Linse passt auch die stattlich dimensionierte Gegenlichtblende (leider nur aus Plastik). Noch stimmiger wird es dann mit angesetztem Batteriegriff. Aber kompakt geht eben anders.
Kompakt geht anders. Das Sigma 30mm umrahmt von PENTAX Limited Linsen (DA21, DA35 Macro, FA43)

Das Sigma 30mm F1,4 DC HSM Art bietet auf dem Papier den flüsterleisen HSM Antrieb zur automatischen Fokussierung und ist mit Offenblende 1,4 noch lichtstärker als das 43er. Die 30mm Brennweite empfehlen die Linse außerdem als universelle Lösung für Low-Light-Fotografie ohne Stativ, nicht nur drinnen in der Wohnung, sondern gerne auch im freien Feld. Erfahrungsberichte im Netz, die ich vorab zum Sigma gesichtet hatte, bescheinigen dem Objektiv eigentlich durchweg gute Abbildungsleistungen. Bemängelt werden allenfalls die Neigung zu CA Fehlern (Farbsäumen an kontrastreichen Bildübergängen) bei kleinen Blendenzahlen sowie eine nicht immer zuverlässige Treffsicherheit des Autofokus.

Bereits scharf bei Blende 1,4 (Ausschnitt 1:1 Ansicht)
Um es direkt vorwegzunehmen: mein Exemplar bestätigt den allgemeinen Tenor zu diesem Objektiv, und die positiven Eigenschaften überwiegen für mich ganz klar die Kritikpunkte. Die Abbildungsleistung ist herausragend gut, sehr kontrastreich und scharf. Mein Glas ist bereits bei Offenblende im zentralen Bereich subjektiv so scharf, dass ich hemmungslos bei Blende 1,4 fotografieren kann - sofern es das Motiv hergibt und der Fokus genau trifft. Ich habe viel Zeit in die korrekte Feineinstellung des Autofokus investiert und dafür auch das Sigma USB Dock genutzt. Im Rahmen dieses Blog Posts möchte ich jetzt nicht zuweit gehen und werde dem Thema noch einen eigenen Beitrag gönnen. Letztendlich habe ich ein für mich zufriedenstellendes Ergebnis der AF Justage dieses Objektivs mit meiner K-5 IIs zusammen erreicht, allerdings mit zwei Einschränkungen. Der Autofokus funktioniert bei mir akzeptabel nur mit dem zentralen AF Feld, und ich muss bei Offenblende in Kauf nehmen, dass die Entfernungseinstellung öfters mal nicht auf den Punkt (bzw. anvisierte Fokus-Ebene) trifft, als ich das von anderen Optiken gewohnt bin. Ja, Ausreißer gibt es natürlich mit jeder Optik immer mal wieder, es gibt ja auch genug Gründe dafür. Beim Sigma kommt die extrem geringe Schärfentiefe bei Blende 1.4 dazu, die im Nahbereich nur wenige Millimeter groß sein kann. Dazu kommen noch Differenzen bei Tageslicht und "Glühlampen"-Licht, die ich dann mit einer zusätzlichen Korrektur über die AF Feinjustierung in der Kamera temporär kompensiere.

Ausrüstung zur genauen AF Justage: Sigma USB Dock
Man mag jetzt lächeln, weil doch das Problem eines zuverlässig treffenden Autofokus in den Augen vieler Experten oft hinter der Kamera steht bzw. die Erwartungshaltung an das Verfahren des Phasenvergleichs für die automatische Scharfstellung eventuell zu hoch formuliert ist. Aber drum verweise ich bereits auf einen weiteren Beitrag zu diesem Thema demnächst hier auf diesem Blog, in dem ich dann mein Vorgehen zur Justierung vorstellen und hinterfragen möchte. [UPDATE: Mittlerweile habe ich den Artikel fertig: Vom Abenteuer der Phasen-Autofokus Korrektur] Ich habe auf jeden Fall meinen Frieden (oder zumindest Waffenstillstand) mit dem Autofokus der Sigma Linse geschlossen und treffe nun zufriedenstellend oft den gewünschten Schärfebereich. Und ich fotografiere ja auch nicht jedes Bild bei offener Blende. Auf der Habenseite steht definitiv die geringe Lautstärke bei der Scharfstellung, während die Geschwindigkeit nach meinem Empfinden durchschnittlich ist.

Schärfe ist sicher nicht das einzige Kriterium, aber ich möchte noch einmal betonen, wie sehr mein subjektives Schärfeempfinden von den Bildergebnissen mit dieser Linse beeindruckt ist, und das bereits bei den kleinen Blendenzahlen inklusive 1,4. Ab Blende 2,8 sind nach meinem Dafürhalten auch die Ränder untadelig und bedienen die 16 Megapixel meiner K-5 IIs zu Genüge. Dazu kommt eine sehr kontrastreiche, plastische Anmutung, zumindest wenn kein Streulicht stört. Wie oben erwähnt wird von Sigma direkt eine Gegenlichtblende mitgeliefert, die das ohnehin nicht zierliche und leichte Objektiv noch voluminöser erscheinen lässt. In einigen Fotos bei Kerzenlicht sind mir unangenehme Lichtsäulen aufgefallen, allerdings hatte ich auch nicht die Streulichtblende aufgesetzt. Ansonsten habe ich keine (negativen) Besonderheiten bei Gegenlichtaufnahmen feststellen können.

Lichtsäume durch Kerzenlicht von unten - hier hätte die Streulichtblende wohl helfen können

Leichte lila Farbsäume bei Offenblende
(Ausschnitt 1:1 Ansicht)
Bei kleinen Blendenwerten stören ab und an Farbfehler durch chromatische Aberration, insbesondere bei sehr harten Hell-Dunkel-Übergängen. Diese sind aber meines Erachtens nicht außergewöhnlich bzw. das Sigma ist da in guter Gesellschaft mit anderen Optiken, obwohl dieser Umstand bei so einem modernen Glas verwundern kann. Ich hatte nach der Lektüre einiger Berichte im Netz (noch) Schlimmeres erwartet. Die Farbfehler lassen sich zumeist einfach in der Nachbearbeitung der Raw Aufnahmen bspw. mit Lightroom am Rechner beseitigen.

Apropos Lightroom. Leider wird die PENTAX Ausprägung des Objektivs nicht automatisch in Lightroom (zumindest in Version 5) erkannt, weder bei der Objektivkorrektur noch im Bibliotheksfilter in der Metadaten Spalte zur Objektiv-Auswahl. Es ist aber zumindest ein Korrekturprofil vorhanden, welches manuell ausgewählt werden kann, und dann der leichten Verzeichnung und Vignettierung bei Offenblende entgegenwirkt.

Kommen wir zu einem echten Highlight der Sigma Linse. Sehr angenehm empfinde ich die Art und Weise der Abbildung der unscharfen Bereiche, gemeinhin auch als Bokeh bekannt. Selbst feinere Strukturen wie Verästelungen bei Bäumen werden nicht harsch und aufgeregt, sondern recht harmonisch und weich gezeichnet. Dazu kommt die Fähigkeit, bei offener Blende und der annähernd Normal-Brennweite von 30 Millimeter auch Motive im Abstand weniger Meter durch geringere Schärfentiefe einigermaßen freistellen zu können.

Die Schärfentiefe bei Blende 1,4 liegt im Nahbereich bei wenigen Millimetern
Selbst kleine Blendenwerte liefern eine überraschend gute Bildqualität mit vielen Details
Astwerk im Hintergund stellen höchste Anforderungen ans Bokeh, hier vom Sigma mit Anstand gelöst

Ob nun die 30mm Brennweite an einer APS-C Kamera (und nur dafür ist die Bildkreisausleuchtung von Sigma DC Objektiven berechnet) einen interessanten Bildwinkel ermöglicht, muss jeder selbst entscheiden. Umgerechnet entspricht die Brennweite einem 45 Millimeter Kleinbild-Äquivalent, also ganz nah dran an der rechnerischen Normalbrennweite des Kleinbilds von 43 Millimetern, was vom Bildwinkel her mit 48 Grad im Korridor des natürlichen Sehempfindens liegt. Manche finden das langweilig. Ich empfinde die Brennweite als universell einsetzbar, und Spannung erzielt man nicht allein durch Brennweite.

Brennweite 30mm gehen gut für Halbportraits ...
... und halbe Portraits.
Das Sigma 30mm F1,4 Art lässt sich nicht so leicht verschaukeln

Welche Alternativen gibt es zum Sigma? Wenn man allein auf Brennweite und Lichtstärke schaut, kommt in der PENTAX Welt am ehesten das  FA 31mm F1,8 Limited in Frage. Ist das Sigma 30mm Art nur die günstigere Alternative? Preiswerter auf jeden Fall, denn es kostet neu mit ca 450 EUR gerade mal ein Drittel im Vergleich zum teuren Limited Konkurrenten. Dazu bietet es noch eine halbe Blende mehr Lichtstärke und einen flüsterleisen Autofokus (was ja meine ursprüngliche Motivation war). Ich kann mangels praktischer Erfahrung mit einem 31er nicht direkt vergleichen, aber die Bildergebnisse des Sigma überzeugen mich einfach. Bei Betrachtung von Fotos im Internet beider Linsen kann ich keine echten Klassenunterschied feststellen, beide können sehr gute Ergebnisse abliefern und erscheinen auf Augenhöhe, aber natürlich übt das 31er eine besondere Anziehungskraft aus. Und es punktet durch sein geringeres Gewicht und Größe.

Heute vermute ich, dass das Sigma stark in meinem bisherigen Einsatzfeld für das FA 43mm Limited wildern wird. Und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das zulassen möchte. Aber die Ergebnisse des Sigma überzeugen mich einfach. Das Sigma darf nun als einzige Nicht-PENTAX Linse in meinem Sortiment bleiben, mal schauen wie lange. Einzig vom Gesichtspunkt der physikalischen Ausmaße passt es nicht so richtig in mein Portfolio, denn ich stehe eben auf kompakte, hochwertige (=Limited) Linsen.



Kommentare:

  1. Sehr informativer Bericht, Danke dafür!

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  2. Interessanter Erfahrungsbericht wie von dir gewohnt, Dirk. Ich persönlich wäre neugierig, wie sich das Sigma in Sachen Mikrokontrast schlägt, also in der Lage ist feine Tonwertunterschiede benachbarter Details wiederzugeben, oder wie es um die Farbwiedergabe steht. Bekanntermaßen unterscheiden sich Optiken beträchtlich darin, ob sie eher in Richtung Auflösung - äußerst hip - oder Mikrokontrast optimiert sind.

    Ich wäre, sagen wir mal, nicht sonderlich überrascht, wenn bereits das spottbillige DA35 AL das Sigma in der Kontrast- und Farbwiedergabe übertreffen würde, und das ohne im Auflösungsvergleich gnadenlos unterzugehen. Von der vermutlich wirksameren Vergütung ganz zu schweigen. Du hast ansonsten ja auch ein DA35 Macro in deinem Arsenal, das man vergleichen könnte, womöglich mit ähnlichem Ergebnis?

    Hier eine Artikelserie zur praktischen Bedeutung des Mikrokontrasts, den ich sehr aufschlussreich fand: http://yannickkhong.com/blog/2016/2/8/micro-contrast-the-biggest-optical-luxury-of-the-world

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    1. Hallo Marc! Vielen Dank für Deinen Kommentar, den Blogbeitrag auf yannickkhong.com zur Bedeutung des Mikrokontrast habe ich mir eben mit großem Interesse durchgelesen. Um ehrlich zu sein, so ganz verstanden habe ich das Thema wohl noch nicht, es scheint auch nicht einfacher zu werden, da (Zitat aus dem Artikel) "micro-contrast is perceptible not measurable", ähnlich wie Bokeh oder "Plastizität" bzw. dreidimensionale Anmutung von Fotos. Ich muss dabei sagen, dass mir das Sigma gerade in diesen Disziplinen sehr zusagt, wenn ich mich vielleicht auch ein wenig von dem Effekt der geringen Schärfentiefe bei recht "normaler" Brennweite blenden lasse. Auch die Farbanmutung finde ich sehr gefällig. Warum Yannick nun der Sigma Art Serie die Mikrokontrast-Fähigkeiten in Abrede stellt kann ich persönlich einfach nicht nachvollziehen.

      Was das 35er Macro Limited betrifft, habe ich mit der Optik bis heute meine Probleme, da ich mit dieser Linse einfach viel zu selten Fotos hin bekomme, die mich durch ihre besondere Anmutung ansprechen. Aber ich versuche es weiterhin!

      Das Sigma überzeugt mich derzeit aber wirklich, und ich meine nicht allein durch seine Auflösung, sondern gerade auch durch seine kontrastreiche Darstellung (was ja nicht gleich Mikrokontrast ist!?) und angenehmer Farbgebung. Das sind aber rein subjektive Empfindungen und sicher auch der Tatsache geschuldet, dass ich das Objektiv erst seit kurzer Zeit habe und daher die normale Portion Begeisterung für die Neuanschaffung noch hinzukommt ;-)

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    2. Yannick zieht in seiner Artikelreihe u.a. Schwarzweiß-Konversionen von RAWs heran, denn hierbei ist der Mikrokontrast eines Objektivs besonders gefordert. Habe nicht schlecht gestaunt, wie sein Vergleich zwischen einem schon etwas betagten Nikkor und dem sagenumwobenen Zeiss Otus ausfiel! Sicher kontrovers aber in jedem Fall bedenkenswert auch seine Ansichten zu der weitverbreiteten Tendenz im modernen Objektivdesign das Heil immer mehr in überkomplexen und mit Spezialgläsern "gedopten" Konstruktionen zu suchen um jeden noch so megapixelgeilen Auflösungswunsch zu befriedigen.

      Ein weiterer Autor, der meinen früheren Glauben in die typischen auflösungsfixierten Objektivtests in Fotozeitschriften relativiert hat, ist übrigens der Landschaftsfotograf Greg Nyquist mit seinen feinsinnigen, pragmatischen Reviews: http://northcoastphotographer.net/blog/index.html

      Ganz wichtig: Das Letzte, was ich will, ist dir dein jüngstes Objektiv madig zu machen! Entscheidend ist, ob und wie *dir* sein Output gefällt! Wir erfreuen uns schließlich, bilde ich mir ein, vor allem an den tollen Bildern, die unsere Linsen zeichnen, oder?

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    3. Hallo Marc! Nein, ich hatte Dich wirklich auch nicht so verstanden, dass Du das Sigma "madig" machen wolltest. Ganz im Gegenteil bin ich für Deine Ausführungen und Deine Tipps sehr dankbar. Bei northcoastphotographer.net schaue ich auch gerne ab und zu vorbei. Und ich teile definitiv Dine Ansicht, dass Auflösung nicht das einzige Kriterium ist, was die Qualität eines Objektivs ausmacht, da gibt es einfach zuviele andere zusätzliche Eigenschaften.

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